Montag, 30. Juni 1997 16

Königsetappe: More-Ebene und Taglang La


Aufstieg auf die More Ebene
Vorbereitungen für die Königsetappe
Am heutigen Tage mussten wir grundsätzlich auf zwei Eventualitäten vorbereitet sein: i) wir schaffen die mit über 100 km längste Etappe mit der höchsten Erhebung zwischen Manali und Leh, oder ii) wir müssen eine weitere Übernachtung vor dem Tanglang La hinnehmen. Die erste Variante beinhaltet natürlich eine grosse Strapaze, bewegen wir uns doch in einer Höhenlage zwischen 4500 und 5400 m, während die zweite Altenative bedeutet, dass wir Wasservorräte für zwei Tage mitzunehmen haben, weil die Strecke zwischen Pang und Rumtse als wasserlos gilt. Da viele Unsicherheitsfaktoren mitspielten, z.B. Strassen- und Windverhältnisse, wie auch die Wetterbedingungen, konnte erst unterwegs über die beiden Alternativen entschieden werden.
Folgerichtig füllten wir am Fluss in Pang noch sämtliche unserer Wassersäcke und packten diese zuoberst aufs Gepäck rauf, um sie dann bei günstigen Bedingungen wieder auszuleeren.
Aufbruch am frühen Morgen
Noch bevor wir richtig aufgestanden waren, wurde uns von den Wirtsleuten nebenan bereits warmer Tibet-Tee zum Zelteingang gereicht. Nach dem Zusammenrämen und Aufpacken nahmen wir bei ihnen noch das Frück ein und bezahlten auch noch alle unsere offenen Rechnungen vom gestrigen Abend.
In einer Steilstufe von Pang auf die Hochebene
Einige hundert Meter nach unserem Übernachtungsplatz passierten wir ein im Talgrund liegendes grösseres Militärlager. Anschliessend verliessen wir das tief eingeschnittene Tal auf der in mehreren Kehren am Hang hochführenden Strasse und erreichten nach ca. 7 km und 300 Höhenmetern den oberen Rand des Cañons.
Mit Rückenwind über die More Ebene
Ein neuer Landschaftstyp
Bis zum heutigen Tage waren wir durch Gebirgslandschaften gereist, welche geprägt waren durch tief eingeschnittene Täler flankiert durch hohe Bergketten. Jetzt hatten wir es mit einem andern Typus zu tun. Zum ersten Mal hatten wir eine Hochebene grösseren Ausmasses vor uns, aus welcher einzelne 5000er ragten, die aber lediglich als wie in der Ebene eingelagerte Hügel erschienen. Durch die Niederschläge der letzten Nacht waren die Spitzen mit einer leichten Decke von Neuschnee belegt, was einen tollen Kontrast zu den sonst eher ockerfarbenen Gesteinen abgab.
Auf schneller Fahrt
Die Strasse über die More Ebene ist mit einem Teerbelag von guter Qualität versehen und fällt auf den nächsten 40Kilometern zudem leicht ab. Zu unserem Glück verspürten wir zudem noch Rückenwind. Diese drei Faktoren zu Radlers Gunsten erlaubten uns ein schnelles Vorwärtskommen mit Geschwindigkeitsspitzen bis zu 50 km/h.
Nomaden mit Yaks
Unterwegs auf der schnellen Fahrt kamen wir öfters an Zelten von Nomaden oder an ihren Herden von Schafen, Ziegen oder Yaks vorbei. Die Nomaden, welche möglicherweise tibetischer Herkunft sind, ziehen Nutzen aus der hier im Frühling wachsenden spärlichen Vegetation, um ihre Tiere zu ernähren.
Aufstieg zur Passhöhe des Tanglang La
Entschluss gefasst!
Nach der Mittagszeit begann die Strasse wieder leicht zu steigen und wir legten eine Rast ein und beratschlagten, ob wir es wagen wollten, den Pass noch zu erklimmen. Angesichts der guten Wetterbedingungen und der noch frühen Nachmittagszeit, sollten wir das grosse Hindernis eingentlich problemlos schaffen, selbst im Falle einer nicht allzu problematischen Panne. Wir füllten deshalb noch alle unsere Bidons, um dann den Rest des mitgeführten Wassers neben die Strasse in den Graben zu kippen.
Ein 20 Kilometer langer Aufstieg
Bald einmal konnten wir vor uns die Strasse erkennen, wie sie sich dem Berg entlang zur Passhöhe wand. Dank der guten Markierung mit Kilometersteinen am Strassenrand wussten wir jedoch, dass bis zum Kulminationspunkt noch ziemlich genau 20 km zurückzulegen waren. Wir beschlossen, jeden 6. Kilometer eine kurze Rast einzulegen, um zu Trinken und ein wenig von der indischen «Nestlé» Schokolade zu essen, welche uns noch verblieben war.
Beim dritten und somit letzten Stop kurz vor der Passhöhe fuhr Nik ohne einen Halt einzulegen an mir vorbei, um den höchsten Punkt unserer Reise als erster zu erreichen. Ich wartete noch auf Urs, welcher infolge seiner Infektion den letzten Tagen jeweils die grössten Mühen von uns bekundete, bevor ich mich auch noch auf den jetzt kurzen «Schlussspurt» zum Pass machte.
Auf dem 5360 m hohen Pass
Nach einer Rechtskurve um die Bergkuppe herum erreichten wir den Kulminationspunkt, welcher in Form eines Strassenkreisels (sic!) um eine secheckige Pyramide auf einem Zylinder ausgestaltet war. Am Rande der Strasse eine weitere Inschrift, welche folgendermassen lautete:
« You Are Passing Through Second Highest Pass of the World. Unbelievable, Is It Not? »
Unglaublich? In der Retroperspektive sicherlich etwas unglaublich, z.B. wenn man beim Skifahren auf dem 3300 m hohen Corvatsch steht und daran denkt, dass hier noch gute 2000 Höhenmeter fehlen. Aber zum Zeitpunkt unseres Aufenhaltes auf der Passhöhe war es uns wie selbstverständlich, die Vorbereitung und das stetige und stufenweise Erklimmen der Höhenlagen in den vergangenen zwei Wochen trugen ihre Früchte: Wir konnten den Aufenthalt in grosser Höhe ohne die geringsten Anzeichen von Höhenkrankheit oder Sauerstoffmangel geniessen.
Die «Adventure Tours»
Kurz nach unserer Ankunft erreichte eine Gruppe von Touristen aus der andern Richtung mit ihren geländegängigen Fahrzeugen ebenfalls die Passhöhe. Offensichtlich war ihre Akklimatisierung nicht mit der unseren vergleichbar, waren sie doch recht gezeichnet und schienen in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt. Wir jedenfalls ernteten recht erstaunte Blicke, als sie gewahr wurden, dass wir diesen Höhepunkt aus eigener Kraft erreicht hatten. Dass die Fahrzeuge mit Adventure Tours bezeichnet waren zeigte einfach auf, dass eine Reise schneller zum Abenteuer wird, wenn sie mit schlechter Vorbereitung einhergeht.
Abfahrt nach Rumtse
Morastige Strassenabschnitte
Wieder einmal mehr sollte sich unsere Erfahrung bestätigen, dass die Nordseiten der Pässe von schlechterer Fahrqualität sind als deren Südseiten. Aufgrund der noch immer fortdauernden Schneeschmelze war die Fahrbahn im oberen Teil der Abfahrt stark durchweicht, so dass viel Vorsicht beim Steuern erforderlich war.
Vorbei an Strassenbauequippen nach Rumtse
Weiter gegen das Tal hin war die Strasse trocken, aber trotzdem von stark unterschiedlicher Qualität. Zahlreiche Equippen von Arbeitern und Arbeiterinnen waren mit dem Ausbessern und zum Teil dem Nachbau von ganzen Abschnitten beschäftigt.
Ein Lagerplatz am Bach zwischen den Getreidefeldern
In Rumtse hatten wir noch kurz, aber erfolglos Ausschau nach einer Unterkunft gehalten, dann in einer Imbissbude an der Strasse eine Nudelsuppe gegessen, bevor wir uns enstschlossen, einen Platz zum Aufstellen des Zeltes zu suchen. Ein geeigneter Ort fand sich am Ausgang des Ortes inmitten der Getreidefelder.
Frisch verschneite Berge bei Pang Frisch verschneite Berge bei Pang
Strasse zu Beginn der Fahrt über die More Ebene Strasse zu Beginn der Fahrt über die More Ebene
Rennbahn über die More-Ebene Rennbahn über die More-Ebene
An tibetische Landschaften gemahnende Hochtäler An tibetische Landschaften gemahnende Hochtäler
Tibetische Nomadenpräsenz mit Yakherden Tibetische Nomadenpräsenz mit Yakherden
Auf Rekordhöhe unserer Tour angelangt Auf Rekordhöhe unserer Tour angelangt
Auf der Passhöhe des Taglang La Auf der Passhöhe des Taglang La
Blick nach NNW zu den Karakorumketten Blick nach NNW zu den Karakorumketten
Lagerplatz am Bach zwischen Rumtse und Gya Lagerplatz am Bach zwischen Rumtse und Gya
   

Reise-Beschreibung
Auswahl der Etappen Tagebuchseiten dieser Etappe
Durch die Indischen Ebenen Über den Rohtang La ins Lahaul
In den Vorbergen des Himalaya Durch die Täler des Lahauls
Auf der «Haute Route» des Himalaya nach Ladakh Krisentag mit Aufstieg nach Patseo
Erholungsurlaub in der «Touristenmetropole» Leh Über den Baralacha La, 4800 m
Durch die grossen Flusstäler via Kargil nach Zanskar Durch die Gata Loops und über den Lachalung La
Mit Pferdetrek über den Shingo La zurück ins Lahaul Königsetappe mit Taglang La, 5400 m
Abschied von Lahaul, Erholung in Manali Durchs Industal nach Leh
«Shopping» in Delhi und Ausflug zum «Taj Mahal»  

Foto Gallerien
Impressionen. Momente der Reise festgehalten in 59 Bildern und in getrenntem Fenster angezeigt. Bilderindex
Reise in Bildern. Die in den Textteilen zur Illustration verwendeten Bilder im Grossformat in getrenntem Fenster angezeigt.
Übersicht
Startseite Himalaya-Tour. Einführung zur Reise in den indischen Himalaya und Übersicht mit Kurzbeschrieb der einzelnen Etappen.

Heinz Rüegger - 27.05.2007 HOME